PHILOSOPHIE | ÜBER MUSIK, MENSCH & INSTRUMENT

Französischer und amerikanischer Saxophonstil

Zwei zentrale Figuren, allem Anschein nach mit jeweils völlig unterschiedlichem Zugang zur Interpretation von Saxophonwerken sowie zum klassischen Saxophon selbst, sind zugleich die Gründer zweier Schulen beziehungsweise Stile. Sie spielen eine wesentliche Rolle für die Entwicklung des klassischen Saxophons im 20. Jahrhundert und waren die Musen des modernen Saxophonrepertoires. Die wichtigsten Werke, die sich im heutigen Saxophonrepertoire befinden, und man könnte sagen: ohne die es kein klassisches Saxophon gäbe, sind ihnen gewidmet.

Diese zwei Strömungen werden heute in den französischen und den amerikanischen Stil oder Schule unterteilt. Der Franzose Marcel Mule, in einer CD-Ausgabe mit historischen Aufnahmen als „Schutzherr des Saxophons“ oder „Le Patron“ bezeichnet, ist der Gründer der französischen und Sigurd Rascher, Pionier des Saxophons und "Leuchtturm des Idealismus", wie ihn sein bester und wichtigster Schüler John Edward Kelly nennt, der Gründer der amerikanischen Schule. Sie sind durch zahlreiche Konzertauftritte, Rundfunk- und TV-Aufnahmen sowie durch ihr pädagogisches Wirken berühmt geworden.

Marcel Mule legte durch seine Arbeit als Professor am Pariser Konservatorium den Grundstein für die Entstehung der „Französischen Schule“. Seine zahlreichen Studenten haben seine didaktische Herangehensweise zum Saxophon weltweit verbreitet. Jeder von ihnen hat diesem etwas Eigenes hinzugefügt, so dass auch neue Richtungen entstanden, die aber im Grunde in der „Französischen Schule“ Marcel Mules verwurzelt sind.

Der wesentliche Unterschied zwischen dem französischen und dem amerikanischen Saxophonstil besteht darin, dass Sigurd Rascher und seine Schüler den ursprünglichen Instrumenten treu geblieben sind, so wie sie sich ihr Erfinder Adolf Sax vorgestellt hatte. Sie sind bestrebt, die ursprüngliche Erfindung und die Klangvorstellung von A. Sax zu bewahren und akzeptieren keine Modernisierung, weder des Mundstücks noch des Instruments selbst. Alle seine Studenten sowie das einflussreiche „Rascher Saxophon Quartett“ spielen auf Buscher-Saxophonen aus den 1920/30-ern.

Wie ich in einem früheren Kapitel dargelegt habe, in welchem besonders auf die Wahrnehmung des Saxophons als Jazz-, Rock- oder Popinstrument gegenüber dem klassischen Klang hingewiesen wurde, soll hier angemerkt werden, dass Sigurd Rascher und seine Studenten noch viel weiter gehen und behaupten, dass „der Ton des Saxophons“, den wir heute nicht nur beim Jazz-, Pop oder Rocksaxophon sondern auch bei den meisten klassischen Saxophonisten hören, wahrlich nichts mit dem ursprünglichen Saxophon zu tun hat. John Edward Kelly ist der Meinung, dass das heutige Saxophon nicht wie jenes ist, von dem Rossini behauptete: “Das Saxophon hat den schönsten Ton, den ich je gehört habe” oder Berlioz: ”Der Ton des Saxophons kann in seiner Schönheit und Ausdruckskraft nur mit der menschlichen Stimme verglichen werden.” Weiter findet Edward Kelly: “Man kann die Sache auch anders sehen. Hört man heute ein historisches Instrument, zum Beispiel eine 200 Jahre alte Klarinette, so ist das Instrument an seinem Ton sofort zu erkennen. Hört man aber ein von Adolphe Sax gebautes Saxophon, weiß man zunächst gar nicht, was man hört. Ganz einfach, weil das heutige “Saxophon” gar keines ist!”

Ich selbst stimme Edward Kelly nicht zu, dass es nur mit dem “originalen” Saxophon möglich ist, sich dem Ideal der Klangvorstellung von Adolf Sax anzunähern. Auch wenn das heutige Saxophon modernisiert ist, bzw. seine Struktur (Bohrung) verändert wurde, lässt sich mit entsprechendem Mundstück sowie mit dem erweiterten Hals s.g. S-Bogen sehr leicht die Expressivität und Klangschönheit erzielen, wie sie sich Adolf Sax vorstellte.
Nachdem ich viele Aufnahmen von John Edward Kelly sowie von Rascher gehörte habe, kann ich behaupten, dass mir persönlich der extrem flexible Klangcharakter, die erweiterte und sublimierte Klangdimension gefallen haben, jedoch hat es mir überhaupt nicht gefallen, dass es eigentlich wenig oder gar keinen Unterschied zwischen hohem Fagott, Englischhorn und dem „originalen“ Saxophon gibt. Dieses klingt völlig fokussiert und „schlank“ wie die Doppelrohrblatt-Instrumente. Dies war jedoch keinesfalls die Klangvision von Adolf Sax, der in erster Linie die Verwandtschaft mit den Streichinstrumenten herstellen wollte, da die Streicher nicht über genügend Durchschlagskraft verfügten, um sich im Freiluftraum zu behaupten.

Und gerade diese Durchschlagskraft fehlt beim Klang von John Edward Kelly und anderen Studenten Raschers. Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass die Klangqualität nicht nur vom gewählten Instrument und vom Mundstück abhängt, sondern zum großen Teil auch von der Spielweise des Einzelnen. Der Klang kommt von innen d.h. resoniert im Körper genauso wie beim Sänger, um letztendlich durch das eigentliche Instrument transformiert zu werden.

Rascher selbst behauptet, dass der Klang hauptsächlich vom Mundstück abhängt, welches verändert wurde, damit lauter gespielt werden kann. Aber Gott sei Dank gibt es genügend alte Mundstücke auf dem Markt, so dass sie sich jeder nach seinem Geschmack aussuchen kann.

Das erste Konzert überhaupt, das mit einem Saxophon gegeben wurde, war das „Konzert für Alt Saxophon und Orchester op.6“ von Edmund von Borck, welches noch im Jahre 1932 von Sigurd Rascher in Deutschland uraufgeführt wurde. Marcel Mule dagegen war, zu Unrecht, überzeugt, dass er derjenige war, der im November 1935 das erste Konzert für Saxophon und Orchester von Pierre Vellones gespielt hat.

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